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Prävention sexualisierter Gewalt im Sport

Das Thema „sexualisierte Gewalt“ wird in den Medien aktuell sehr diskutiert. Im Sport insbesondere in der Kinder-/Jugendarbeit ist Prävention sehr wichtig. Deswegen möchte der Sportverein Seeon auf dieses sehr kritische Thema aufmerksam machen. Im Rahmen der Vortragsreihe, die von der Abteilung Turnen und Fitness von Franz Pfaffenzeller initiiert wurde und organisiert wird, hielt am gestrigen Montag Abend diesbezüglich Astrid Pröller einen Fachvortrag. Das Thema hat sie den interessierten Übungsleitern und Trainern des Sportverein Seeon e.V. sehr anschaulich präsentiert.
Einleitend schilderte Pröller öffentlich gewordene Missbrauchsfälle im Sport, wie beispielsweise der Fall des Leichtathletik-Bundestrainers 2009. Das Ziel des Vortrags war, solche Fälle zu verhindern, indem Trainer und Übungsleiter bezüglich dieses Themas sensibilisiert/geschult werden.

Es gibt verschiedene Gründe, warum es lange Zeit zu unerkannten Übergriffen auf Kinder und Jugendliche kommen kann. Dazu zählen, so Pröller, verschiedene Positionen, die die Täter ausnutzen:

  • Machtposition
  • Abhängigkeitsposition
  • Vertrauensposition

Anhand eines Beispiels schilderte Astrid Pröller, wie ein solcher Vorfall ablaufen kann. Richtiges Handeln der Opfer und anderer Betreuer im Sportverein kann solche Fälle vermeiden kann. Die Geschichte soll hier kurz erwähnt werden. Der kleine Jonas hat keine Lust im Ferienlager am Schwimmabzeichen teilzunehmen und versteckt sich stattdessen in seinem Zelt. Ein Betreuer nutzt diese Gelegenheit. Er versucht über seine Machtposition, dass er von Jonas‘ unentschuldigtem Fernbleiben weiß, den Jungen zu erpressen. Er soll sich mit ihm auszuziehen. Jonas gelingt es der Situation zu entkommen und vertraut sich einem anderen Betreuer an.

Notwendige Strukturen im Verein

Im Beispiel wurde klar, wie wichtig es ist, dass Betreuer solche Situationen erkennen können. Es sollte im Verein Strukturen geben, die einen Leitfaden für entsprechendes Handeln nach einem solchen Vorfall bereitstellen. Konkret: Wie kann man Kinder aufklären, dass sie sich trauen über diese Geschehnisse zu reden. Welche Indizien gibt es, an denen Betreuer erkennen können, dass ein Kind Opfer geworden ist. Vor allem dann, wenn ein Kind entweder sich nicht traut darüber zu sprechen oder nicht realisiert, dass es sexualisierte Gewalt war.

Ob Kinder/Jugendliche Opfer sexualisierter Gewalt wurden, kann man beispielsweise durch folgende Signale erkennen.

  • selbstzerstörerisches Verhalten
  • Störungen im Hygieneverhalten
  • Anklammern, Angst
  • Weglaufen/Flucht in eine Fantasiewelt
  • Krankheiten, Körperliche Verletzungen

Ihre Kompetenz als Lehrerin setzte Pröller gekonnt ein, als die Vortragsbesucher aktiv einen Fragebogen ausfüllen durften. Hier sollten die Teilnehmer eine eigene Einschätzung abgeben, ob und wie stark die nachfolgenden Fälle als „sexualisierte Gewalt“ einzuordnen sind. Sehr überraschend war offenbar für einige Teilnehmer die Auflösung mancher Frage.

  1. Beim Zeltlager fordert die Jugendleiterin die Mädchen und Jungen auf, sich nackt auszuziehen und untersucht sie auf Zeckenbisse
  2. Ein Sportlehrer verbietet seinen Schülerinnen, beim Trampolinspringen das T-Shirt in die Hose zu stecken
  3. Der 25-jährige Übungsleiter geht im Trainingslager mit einer 15-jährigen Teilnehmerin abends ins Kino. Er legt den Arm um sie und versucht sie zu küssen.
  4. Der 17-jährige H. stellt sich im Vereinsheim hinter ein Mädchen, das sich über den Billardtisch beugt, und macht eindeutige Koitusbewegungen, sodass das Mädchen nichts davon mitbekommt.
  5. Beim Kuscheln im Ehebett streichelt die Mutter ihren 13-jährigen Sohn unter dem Schlafanzug den Bauch
  6. Bei einem Jugendfußballturniert animiert ein Betreuer spätabends einige Spieler, gemeinsam mit ihm Strip-Poker zu spielen.
  7. Im Pissoir steht ein Erwachsener neben einem 7-jährigen beim „Bisseln“, blickt rüber und fragt: „Das Ding wächst aber schon noch?“
  8. Der 14-jährige J. zwingt einen gleichaltrigen Jungen, mit ihm zu onanieren. Er droht ihm Prügel an, falls dieser ihn verpfeift.
  9. Als Aufnahmeritual in einer Jugendbande verlangt der Bandenchef, dass neue Jungen seinen Urin trinken.

Eine Auflösung ist am Ende des Artikels abgedruckt.

Im Rahmen dieser Befragung wies Pröller nochmals auf die Definition von sexualisierter Gewalt hin: Sexualisierte Gewalt ist jede Form der Beeinträchtigung einer anderen Person, die deren sexueller Selbstbestimmung widerspricht.

Überraschend bei der Auflösung war auch die Tatsache, dass erst ab einem Altersunterschied von mehr als zwei Jahren eine sexuelle Beziehung vom Gesetz her kritisch ist.

Die einzelnen Fallbeispiele führten immer wieder während des Vortrags zu Diskussionen unter den Teilnehmern. Eine Teilnehmerin berichtete von Maßnahmen eines Kindergartens bezüglich dieses Themas. Dabei mussten Eltern dafür unterschreiben, dass im Rahmen von Ausflügen/Wanderungen die Kinder nur noch bis auf Höhe des Ellenbogens von den Betreuern auf Zeckenbisse untersucht werden.

Falsch verdächtigt – richtig verhalten

Angeregt wurde unter den Teilnehmern auch diskutiert, wie Trainer und Übungsleiter sich verhalten sollen. Vor allem, welche Handlungen zu vermeiden sind um präventiv erst gar nicht die Frage nach sexuellen Absichten aufkommen zu lassen. Beispielsweise ist es, so Pröller, nicht empfehlenswert mit den Jugendlichen gemeinsam die Duschen zu benutzen.

Andere Teilnehmer berichteten von ihren eigenen präventiven Maßnahmen, von denen einige hier genannt werden sollen:

  • Zeugen bei bestimmten sportlichen Handlungen wie „Hilfestellung leisten beim Sprung über den Kasten“
    • weitere Betreuer hinzuziehen.
    • Eltern hinzuziehen bzw. Handlungen sogar mit diesen abstimmen
  • Bei unbeabsichtigten Berührungen sofort Entschuldigung aussprechen
  • Bei Sportarten mit Körperkontakt wie beispielsweise Kampfsportarten die Jugendlichen/Kinder um Feedback bitten, wenn eine Berührung subjektiv unangenehm erscheint.

Maßnahmencodex als Qualitätsmerkmal

Außerdem stellte Pröller einen vom BLSV bereitgestellten Verhaltens-/Maßnahmencodex vor. Dieser soll vom Verein praktiziert und auch transparent kommuniziert werden. Solch ein Codex wäre ein Qualitätsmerkmal des Vereins bezüglich Prävention sexualisierter Gewalt im Sport, so Pröller. Folgende Punkte gehören insbesondere zu solch einem Qualitätsmerkmal.

  • Führungszeugnisse
  • Maßnahmencodex praktizieren und nach außen kommunizieren
  • Aufklärung/Schulung der Übungsleiter/Trainer
  • persönliches Aufnahme-/Kennenlerngespräch mit neuen Übungsleitern/Trainern
  • Ansprech-/Vertrauensperson
  • Kooperation mit einer Fachberatungsstelle

In diesem Zusammenhang wies Astrid Pröller auch darauf hin, dass bei aktuellen Vorfällen niemals die Opfer mit den Tätern konfrontiert werden dürfen. Die empfohlene Meldekette sollte eingehalten werden. Dabei soll eben nicht sofort bei der Polizei Anzeige erstattet werden. Bei einer entsprechenden Meldung bei der Polizei bzw. beim Jugendamt veranlassen gegebenenfalls diese Stellen selbständig die Anzeige. Der Verein ist nur als Vermittler/Aufklärer/Hilfestellung tätig. Es soll laut den Empfehlungen des BLSV auch Vertrauensleute als Ansprechpartner für Opfer geben, so Pröller. Die Zusammenarbeit besonders für sexualisierte Gewalt eingerichteten Stellen ist ebenso wichtig (Jugendamt, ASD, Polizei).

Umstritten blieben auch folgende Punkte in den Diskussionen während des Vortrags: Wie soll insbesondere Kindern der Umgang mit sexualisierter Gewalt vermittelt werden? Was bedeutet dies genau? Wie sollen die Kinder sich verhalten? Einig waren sich alle Teilnehmer, dass es besser wäre diesbezüglich die Eltern zu sensibilisieren. Diese vermitteln im Rahmen der Aufklärungsarbeit den Kindern die nötigen Informationen.

Um etwaigen Missverständnissen zuvorzukommen sollten Übungsleiter und Trainer bei allen Vorkommnissen immer zeitnah ein Protokoll anfertigen. Auf dieses können sie sich im Falle eines nachträglichen Missbrauchsvorwurfs beziehen .

[afe]

Abschließend können wichtige Unterlagen nachfolgend heruntergeladen werden.

 

Auflösung des Fragebogens:

  1. ja
  2. ja
  3. ja
  4. eher nein
  5. eher nein
  6. ja
  7. ja
  8. ja
  9. eher nein